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Romeo und Julia 3.0 oder die dunkle Macht der Digitalisierung 


So hat sich die deutsche Gesellschaft bis zum Jahr 2038 entwickelt...

Im Jahr 2029 erfolgt die Gründung der Partei ‚Digitalisierte Demokratie Deutschlands‘ (DDD), die noch im selben Jahr bei den Wahlen antritt. Da das Wahlrecht einige Jahre zuvor auf das Mindestalter von 16 Jahren festgesetzt wurde, wählen vor allem junge, von der Idee des Fortschritts begeisterte Menschen die DDD. Ihr charismatischer Vorsitzender ist Ben Henson, ein ebenso talentierter wie skrupelloser Populist. Mit Wahlversprechen, wie z.B. Lohngleichheit der Bürger, vollständige Automatisierung, flächendeckender Einsatz der Hologrammtechnologie und autonomer Fahrsysteme, kann Henson mit seiner Partei die Mehrheit im Parlament gewinnen. 

Mit der neuen Regierung wird das Schulsystem vereinheitlicht, die Privatschulen abgeschafft, die Schulzeit für jedermann auf 12 Jahre festgelegt. Im Jahr 2038 werden bis auf den Arzt- oder Anwaltsberuf die meisten ‚einfachen‘ Tätigkeiten von Robotern ausgeführt. Die Schicht der erwerbslos gewordenen Arbeiter und Angestellten, „Glumandors“ genannt, wird von den Steuern der Erwerbstätigen, „Ibitaks“ genannt, finanziell getragen. Die Errungenschaften einer fortschrittlichen Digitalisierung und Gleichberechtigung, letzterer in Form eines Gesetzes für ein einheitliches Einkommen und ein einheitliches Schulsystem, bezahlt die Bevölkerung zum Preis einer gespaltenen Gesellschaft, in der ein Teil erwerbstätig ist, der andere nicht arbeiten darf und ‚alimentiert‘ wird.

Um Erkrankungen vorzubeugen, müssen sich alle Bürger einem verpflichtenden „Qualifizierungscheck“ unterziehen, was eine höhere Lebenserwartung von durchschnittlich 120 Jahren mit sich bringt. Mit Vollendung des 18. Lebensjahres müssen sich zudem alle Bürger einem IQ-Test per Scanner stellen, der darüber entscheidet, wer zukünftig zu den Glumandors bzw. zu den Ibitaks zählt. Einerseits profitieren die Menschen von der Digitalisierung und dem technischen Fortschritt, andererseits macht sich aufgrund der Spaltung in Glumandors und Ibitaks Frust und Enttäuschung in der Bevölkerung breit. Die einen müssen arbeiten, ob sie wollen oder nicht, die anderen dürfen nicht arbeiten, ob sie wollen oder nicht. Zwar kommt es immer wieder zu vereinzelten Demonstrationen. Allerdings hat Ben Henson seit seinem Amtsantritt als Kanzler die demokratischen Rechte der Bürger ausgehöhlt. Protest ist nur gegen die ohnehin schwache Opposition erlaubt, die elektronischen Wahlen werden durch Spezialisten aus Hensons Regierungsteam manipuliert.

 

Eine Szene, die sich im Jahr 2038 zugetragen hat...

Szene 1: In der Schule

Roboter: (spricht abgehackt) Willkommen zum Deutschunterricht. Packt alle eure Ipads aus und passt gut auf!

Lilly: Ich hab gar keinen Bock mehr, das hat doch alles keinen Sinn. Ich will einfach nur nach Hause.

Jack: Schule ist aber wichtig für Dein Arbeitsleben.

Lilly: Falls ich überhaupt arbeiten gehen darf.

Jack: Schatz, sei doch nicht immer so pessimistisch.

Lilly: Ich bin so froh, dass ich Dich habe.

Jack: Ich habe heute meinen Gesundheitscheck. (flüsternd) Hast Du ihn nicht auch?

Lilly: (sarkastisch) Ja, ich bin so wahnsinnig aufgeregt.

Roboter: Kommt bitte mit, der Gesundheitscheck beginnt.


2. Szene: Beim Gesundheitscheck

Roboter: Hallo Lilly, schön, dass Du hier bist. Stell Dich doch bitte in den Scanner.

Lilly wird gescannt.

Roboter: Hallo Jack, schön, dass Du hier bist. Stell Dich doch bitte in den Scanner.

Jack wird gescannt.

Roboter: Lilly, Du wärest zwar Ibitak, aber Du hast Depressionen. Das können wir nicht gebrauchen. Du bist Glumandor.

Lilly: WAS?

Lilly rennt raus,  nach Hause, sie ist erschüttert.

Jack: Lilly, warte!

Roboter: Glückwunsch Jack, Du bist Ibitak. Viel Spaß beim Arbeiten!


3. Szene: Bei Lilly zu Hause

Mutter: (bekifft) Na mein Kind, bist Du da?

Lilly: Mama, ich bin Glumandor.

Mutter: Ist doch schön mein Kind. Schau, das Leben ist so schön.

Lilly: Mama, kannst Du nicht einmal den Mund halten? Ich wäre eigentlich Ibitak, aber wegen der beschissenen Depressionen darf ich nicht arbeiten.

Mutter: Oh. Willst Du auch mal? (reicht ihr den Joint) Dann geht’s bestimmt wieder besser.

Lilly: Genau wegen Deiner Kifferei geht’s mir ja so Scheiße. Ständig bist Du drauf, das macht einen fertig. (ironisch) Danke, dass ich wegen Dir nicht arbeiten darf!


4. Szene: Bei Jack zu Hause

Mutter: Diese Patienten rauben einem den letzten Nerv. Ich kann nicht mehr. So viel Arbeit!

Vater: Und diese nervige Steuererklärung. Alexa, schalte den Fernseher ein.

Im Fernsehen läuft ein Bericht über Protestaktionen von Bürgern, darin bezeichnet Ben Henson die Demonstranten als Anti-Bürger und redet darüber, wie gut seine Regierung sei.

Nachrichtensprecher: Guten Abend, meine Damen und Herren! Willkommen zu den Nachrichten! Schon wieder gab es Unruhen in Berlin, 20.000 Menschen protestierten gegen den Kanzler Ben Henson. Er wies jeden Vorwurf zurück und betonte die Fortschritte seiner Politik, besonders die schnell fortschreitende Digitalisierung der Welt und die nahezu vollständige Gleichberechtigung aller Bürger. Dies wird jedoch nicht die letzte Demonstration gewesen sein.

Jack: Mutter, Vater, ich bin wieder da.

Mutter: Mein Junge, wie war der Gesundheitscheck?

Jack: (begeistert) Ich bin ein Ibitak!

Vater: Großartig, mein Sohn. Dann such Dir aber den richtigen Job.

Jack: Ich muss euch noch etwas sagen.

Mutter: Aber beeil Dich, ich muss gleich wieder arbeiten.

Jack: Ich habe eine Freundin, sie heißt Lilly und ist Glumandor.

Mutter: Glumandor?! Bist Du verrückt? Das passt nicht zusammen!

Vater: Die wird nur Zuhause rumsitzen, während Du arbeiten musst.

Mutter: Wir klären das später. Ich muss jetzt los, der Hyperloop kommt gleich.

Vater: Schatz, die Arbeit ruft.